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Chris­to und Jean­ne-Clau­de — “L’Arc de Triom­phe, Wrapped”

Christo and Jeanne-Claude, Paris, L'Arc de Triomphe, Wrapped © PetersTravel Peter Pohle

Ich ver­ra­te kein Geheim­nis, wenn ich sage, dass ich ein gro­ßer Fan von Chris­to und Jean­ne-Clau­de bin. Und das schon lan­ge bevor sie 1995 hier­zu­lan­de einen rie­si­gen Erfolg mit der Ver­hül­lung des Reichs­tags in Ber­lin hat­ten. Da ist es nur all­zu ver­ständ­lich, dass ich mir unbe­dingt die Ver­hül­lung des Arc de Triom­phe im September/Oktober 2021 in Paris anschau­en wollte.

Christo und Jeanne-Claude, Paris, L'Arc de Triomphe, Wrapped, Titelbild © PetersTravel Peter Pohle

Chris­to & Jean­ne-Clau­de — Rückblick

Wir schrei­ben das Jahr 1961. Der am 13. Juni 1935 in Bul­ga­ri­en gebo­re­ne Künst­ler Chris­to Wla­di­mi­row Jawa­schew lebt in Paris in einem win­zi­gen Zim­mer. Von sei­nem Zim­mer kann er den Arc de Triom­phe sehen.
Schon damals fass­te er den Ent­schluss eines Tages den Pari­ser Tri­umph­bo­gen zu verhüllen.

Sei­ne Frau Jean­ne-Clau­de, die übri­gens an exakt dem­sel­ben Tag wie Chris­to gebo­ren wur­de, lern­te er in Paris ken­nen nach­dem er ihre Mut­ter por­trä­tiert hat­te. Sie hei­ra­ten im Novem­ber 1962.

Bereits ab 1958 beginnt Chris­to qua­si alles zu ver­pa­cken, was ihm unter die Fin­ger kommt. Dazu gehö­ren Fla­schen, Dosen Stüh­le, Zeit­schrif­ten­sta­pel, auch mal eine nack­te Frau (1962) oder ein Volks­wa­gen (1963, Gale­rie Schme­la, Düs­sel­dorf). Dabei geht es ihm immer dar­um exis­tie­ren­den Din­gen eine ande­re, neue Wahr­neh­mung zu verschaffen.

Christo & Jeanne-Claude, Paris, Verhüllung des Arc de Triomphe

Chris­to & Jean­ne-Clau­de, Paris, Ver­hül­lung des Arc de Triomphe

Christo & Jeanne-Claude, Paris, Verhüllung des Arc de Triomphe

Chris­to und Jean­ne-Clau­de — Projekte

1964 zie­hen Chris­to und Jean­ne-Clau­de nach New York. Zu die­ser Zeit ent­ste­hen die Store Fronts, maß­st­ab­ge­treue Laden­fron­ten, deren Fens­ter Chris­to mit Stof­fen oder Papier ver­hängt und somit den Blick ins Inne­re ver­sperrt. (zB Gale­rie Fried­rich in München).

Obwohl Chris­to und Jean­ne-Clau­de  von Anfang an eng zusam­men arbei­ten und die Pro­jek­te gemein­sam ent­wer­fen, beschlie­ßen sie erst 1994 fort­an offi­zi­ell unter dem Namen „Chris­to and Jean­ne-Clau­de“ zu firmieren.

Ihr ers­tes gemein­sa­mes Werk waren aber bereits 1961 gesta­pel­te Ölfäs­ser und Ver­hül­lun­gen im Köl­ner Hafen (Sta­cked Oil Bar­rels and Docks­ide Packa­ges), dicht gefolgt vom „Eiser­nen Vor­hang“ in Paris (1961 — 1962), einer Mau­er aus Ölfäs­sern, die die Durch­fahrt in der Rue Vis­con­ti ver­sperr­te. Die­se nicht geneh­mig­te Akti­on war Chris­tos Reak­ti­on auf den Bau der Ber­li­ner Mauer.

Chris­to und Jean­ne-Clau­de wur­den 3 mal zur docu­men­ta in Kas­sel ein­ge­la­den — docu­men­ta 4 / 1968, docu­men­ta 5 / 1972 und docu­men­ta 6 / 1977.

Im Lau­fe der Zeit erreich­ten ihre Pro­jek­te ande­re Dimensionen.
Die meis­ten Instal­la­tio­nen exis­tier­ten nach Fer­tig­stel­lung für ledig­lich zwei Wochen. Danach wur­den sie wie­der abge­baut und umwelt­freund­lich entsorgt.


Eini­ge ihrer spek­ta­ku­lärs­ten Wer­ke — spek­ta­ku­lär sind sie eigent­lich alle — sind:

  • 1969 Wrap­ped Coast — Ver­hül­lung eines Küs­ten­strei­fens in der Nähe von Syd­ney, Australien
  • 1976 Run­ning Fence” — Sep­tem­ber 1976, Kali­for­ni­en. Mit­tels 2050 Stahl­pfos­ten und Stahl­sei­len wur­de ein 5,5 m hoher Zaun mit Stoff­bah­nen aus Nylon­ge­we­be auf einer Län­ge von 39,5 km durch die kali­for­ni­sche Land­schaft errich­tet. Es hat­te im Vor­feld Pro­ble­me mit den Geneh­mi­gun­gen gege­ben. Da Chris­to und Jean­ne-Clau­de kei­ne Geneh­mi­gung für die Küs­ten­re­gi­on hat­ten, muss­ten sie 60.000 US-Dol­lar Buß­geld zahlen.
  • 1983 Sur­roun­ded Islands — Miami, pink­far­be­ner Poly­pro­py­len-Stoff umge­ben 11 Inseln in der Bis­ca­y­ne Bay zwi­schen Miami, North Miami und Miami Beach.
  • 1985 The Pont Neuf Wrap­ped“, Paris, August/September 1985. Ver­hül­lung der ältes­ten Pari­ser Brü­cke mit 40.000 m² sand­far­be­nem Poly­amid­ge­we­be. Die Brü­cke leuch­te­te beson­ders schön gold­far­ben in der Abendsonne.
    Auf die Geneh­mi­gung für die Ver­hül­lung der Pont Neuf muss­ten  Chris­to und Jean­ne-Clau­de über 20 Jah­re warten.
  • 1991: The Umbrel­las,  Japan-USA — 1.340 gro­ße blaue Schir­me in einem Tal in Iba­ra­ki, Japan und 1.760 gro­ße gel­be Schir­me in einem Tal in Kali­for­ni­en. 1880 Hel­fer. Kos­ten 26 Mil­lio­nen Dollar.
  • 1995: Wrap­ped Reichs­tag“ Ver­hüll­ter Reichs­tag Ber­lin, Som­mer 1995, Pla­nung seit 1971! Geg­ner des Pro­jek­tes waren u.a. Hel­mut Kohl und Wolf­gang Schäub­le. Bei der fina­len Abstim­mung im Deut­schen Bun­des­tag am 25. Febru­ar 1994 stimm­ten 292 dafür und 223 dage­gen. Das mit einer Alu­mi­ni­um­schicht über­zo­ge­ne, silb­rig glän­zen­de, feu­er­fes­te Poly­pro­py­len­ge­we­be wur­de von der Fir­ma Schil­gen in Ems­det­ten her­ge­stellt. Das glei­che Mate­ri­al wur­de auch spä­ter u.a. für The Gates, The Foa­ting Piers und die Ver­hül­lung des Arc de Triom­phe eingesetzt.
  • 1999: Die Mau­er, 13.000 Ölfäs­ser, Gaso­me­ter Oberhausen
  • 2005: The Gates — Febru­ar 2005; auf einer Län­ge von 37km stan­den 7.503 Metall­to­re mit im Wind wehen­den oran­ge­far­be­nen Stoff­bah­nen auf den Wegen des Cen­tral Park New York. Pro­jekt­kos­ten 21 Mil­lio­nen Dollar.
  • 2013: Big Air Packa­ge / Gro­ßes Luft­pa­ket, Instal­la­ti­on im Gaso­me­ter Oberhausen
  • 2016 The Floa­ting PiersJuni 2016. Mit Oran­ge leuch­ten­den Stoff­bah­nen ver­hüll­te Ste­ge zwi­schen dem Fest­land und den Inseln Mon­te Iso­la und Iso­la di San Pao­lo auf dem Lago d’Iseo (Iseo­see) in Ita­li­en. Wegen Unwet­ter und dem uner­war­tet hohen Besu­cher­an­drang war die Instal­la­ti­on zwi­schen Mit­ter­nacht und dem frü­hen Mor­gen zu Repa­ra­tu­ren und Rei­ni­gung geschlos­sen. Ich war selbst vor Ort und habe die ent­spann­te Stim­mung bei strah­len­dem Son­nen­schein genos­sen. Ers­tes Groß­pro­jekt ohne Chris­tos 2009 ver­stor­be­ne Frau Jean­ne-Clau­de. Geschätz­te Besu­cher 1,3 Mil­lio­nen. Kos­ten 19,5 Mil­lio­nen Dollar.
  • 2018: The Lon­don Masta­ba, Lon­don, 18. Juni bis 23. Sep­tem­ber 2018. Die Lon­don Masta­ba ist qua­si ein Vor­läu­fer der seit 1977 von Chris­to und Jean­ne-Clau­de geplan­ten Masta­ba in Abu Dha­bi — die Masta­ba ist ein Grab­bau in der alt­ägyp­ti­schen Kul­tur.  Im Lon­do­ner Hyde Park wur­den dafür 7506 Ölfäs­ser in Form einer Masta­ba aufgeschichtet.
  • 2021: L’Arc de Triom­phe, Wrap­ped, Paris

    Christo und Jeanne-Claude, Paris, L'Arc de Triomphe, Wrapped
    Christo und Jeanne-Claude, Paris, L'Arc de Triomphe, Wrapped

Ent­ste­hung der Christo-Projekte

So gut wie alle der spek­ta­ku­lä­ren Chris­to-Pro­jek­te haben eine lang­jäh­ri­ge und vor allem beweg­te und lang­wie­ri­ge Pla­nungs­pha­se hin­ter sich. Zum Einen sind es die künst­le­ri­schen Ent­wür­fe, Skiz­zen, Zeich­nun­gen und Kol­la­gen, zum Ande­ren ist es der Kampf um die Geneh­mi­gun­gen das Pro­jekt zu realisieren.
Immer wie­der gibt es im Vor­feld mas­si­ven, teils juris­ti­schen, Ärger. Hef­ti­ge Wider­stän­de kom­men von Umwelt­ak­ti­vis­ten, Land­be­sit­zern, Poli­ti­kern, loka­len, regio­na­len oder natio­na­len Ver­wal­tun­gen oder Regierungen. 

Wer bezahlt die Ver­hül­lung des Arc de Triomphe?

Sämt­li­che Kunst­pro­jek­te von Chris­to wer­den kom­plett durch ihn selbst finan­ziert. Spon­so­ren­gel­der oder Spen­den sind für ihn tabu. Dabei spre­chen wir von Rie­sen­sum­men, d.h. Mil­lio­nen­be­trä­ge im mitt­ler­wei­le drei­stel­li­gen Bereich.
Für all sei­ne Kunst­pro­jek­te ent­ste­hen Ent­wür­fe, Ideen­skiz­zen, Zeich­nun­gen und Kol­la­gen. Sie spie­geln die Ent­wick­lung der Pro­jek­te. So ent­stan­den zB die ers­ten Skiz­zen für die Ver­hül­lung des Arc de Triom­phe bereits in den 60er Jah­ren in Paris. Durch den Ver­kauf die­ser Wer­ke und den davon gefer­tig­ten Dru­cken, durch den Ver­kauf von frü­he­ren ver­pack­ten Objek­ten und Kol­la­gen und den Ver­kauf von Foto­rech­ten wer­den die nöti­gen Gel­der für die auf­wen­di­gen Groß­pro­jek­te erwirtschaftet.Kosten für die Ver­hül­lung der Tri­umph­bo­gens lagen bei ca 14 Mil­lio­nen Euro. 

2021: Ver­hül­lung des Arc de Triom­phe in Paris

Im April 2020 soll­te end­lich die bereits vor 60 Jah­ren erträum­te Ver­hül­lung des Pari­ser Arc de Triom­phe wahr wer­den. Doch dann wur­de die Ver­hül­lung auf den Herbst 2020 ver­scho­ben. Grund war der Natur­schutz für die am Tri­umph­bo­gen nis­ten­den Fal­ken. Chris­to selbst soll­te die Ver­hül­lung aber nicht mehr erle­ben. Er ver­starb am 31. Mai 2020. Der Plan aber blieb bestehen.
Dann kam Covid-19 und warf erneut alles über den Haufen.
Im Spät­som­mer 2021, vom 18. Sep­tem­ber bis 3. Okto­ber — nach zwei­mo­na­ti­gen Instal­la­ti­ons­ar­bei­ten — war es dann end­lich soweit: 

„L’Arc de Triom­phe, Wrapped“.

Unter der Lei­tung von Chris­tos Nef­fen Wla­di­mir Jawa­schew, der zuvor schon jahr­zehn­te­lang als Chris­tos Assis­tent tätig war, wur­de die kom­plet­te Ver­hül­lung des Tri­umph­bo­gens mit 25.000 qm recy­c­le­ba­ren sil­ber-blau­en Kunst­stoff­pla­nen umge­setzt. Zusam­men­ge­hal­ten wird alles von 3.000 Metern roten Tauen.
Der in Deutsch­land her­ge­stell­te Stoff ist außen silb­rig-grau, wobei die blaue Innen­sei­te durchschimmert.
Ich ließ es mir nicht neh­men und habe auch noch die Trep­pe auf die Dach­ter­ras­se des Tri­umph­bo­gens genom­men. Auch hier oben war alles kom­plett mit der silb­rig glän­zen­den Kunst­stoff­pla­ne bedeckt. Wie auch schon damals im New Yor­ker Cen­tral Park (The Gates), beim ver­hüll­ten Ber­li­ner Reichs­tag oder auf den Floa­ting Piers auf dem Iseo­see fand ich es auch dies­mal wie­der ein unver­gess­li­ches Erlebnis.

Christo & Jeanne-Claude: Verhüllter L'Arc de Triomphe bei Nacht

Christo & Jeanne-Claude: Verhüllter L'Arc de Triomphe bei Nacht

Wei­te­re Bei­trä­ge zu Chris­to und Jeanne-Claude

The Floa­ting Piers auf dem Lago d’Iseo
Chris­to und Jean­ne-Clau­de — Aus­stel­lung im Palais Popu­lai­re, Berlin

Mein Kunst­mu­se­um-Tipp für Paris
Wärms­tens emp­feh­len kann ich das Kunst­mu­se­um Fon­da­ti­on Lou­is Vuitton

Christo and Jeanne-Claude: Verhüllter L'Arc de Triomphe bei Nacht

 

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2 Kommentare

  1. Lie­ber Peter,
    hach, für Chris­to wäre ich auch gern nach Paris gereist! Es hat lei­der nicht geklappt. Umso schö­ner, dass du mich mit dei­nem Bericht und den tol­len Fotos mit­ge­nom­men hast. Vie­len Dank dafür!
    Lie­be Grüße
    Elke

  2. Hal­lo Peter,

    toll. Vie­len Dank, dass Du mich zumin­dest ein klei­nes Stück mit ins Leben und Wir­ken des Künst­lers genom­men hast. Die­se Ver­hül­lun­gen und vor allem aber auch die Höhe der dafür ein­ge­setz­ten Gel­der sind wirk­lich beeindruckend. 

    Lg San­dra

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