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Andre­as Wunn, Bra­si­li­en für Insi­der

Rio de Janeiro

Andre­as Wunn ist der Bra­si­li­en Kor­re­spon­dent des ZDF. Sei­ne The­men sind die Kri­mi­na­li­tät, Kor­rup­ti­on, Umwelt­pro­ble­me, typi­sche Gewohn­hei­ten und der Fuss­ball.

Andreas Wunn vor dem Zuckerhut

Andre­as Wunn vor dem Zucker­hut

In Brasilien gehts ohne TextilienPünkt­lich zur Fuss­ball-WM bringt Andre­as Wunn sein zwei­tes Buch „Bra­si­li­en für Insi­der“ auf den Markt.
Im ers­ten Buch In Bra­si­li­en geht’s ohne Tex­ti­li­en ging es eher um die Kli­schees und dar­um den Leser unter­halt­sam und mit einem Augen­zwin­kern auf das Land ein­zu­stim­men.

Brasilien fuer Insider von Andreas WunnDas gera­de erschie­ne­ne “Bra­si­li­en für Insi­der” beschäf­tigt sich jetzt mehr mit den Pro­ble­men des Lan­des, zB der sozia­len Unge­rech­tig­keit (rund 75 Pro­zent der Reich­tü­mer lie­gen in den Hän­den von nur 10 Pro­zent der Bevöl­ke­rung), den Miss­stän­den wie die Kor­rup­ti­on, dem mise­ra­blen Gesund­heits­sys­tem („wer eine schnel­le Behand­lung braucht, stellt sich oft schon nachts in die Schlan­ge vor einem öffent­li­chen Gesund­heits­zen­trum, um tags­über dran­zu­kom­men.“) und den stei­gen­de Mie­ten („Ver­trä­ge wer­den oft nur über 30 Mona­te abge­schlos­sen und dann mit oft hor­ren­den Stei­ge­run­gen ver­län­gert“).
Wei­te­re The­men sind der Auf­bruch in den Fave­las, der Kampf gegen die Dro­gen­bos­se. und die Umwelt­pro­ble­me beim Mega­pro­jekt Belo Mon­te, dem Bau des dritt­größ­ten Stau­damms der Erde.
Natür­lich darf ein Kapi­tel über den Kar­ne­val nicht feh­len und last but not least dem Fuss­ball, so besucht er u.a. den ehe­ma­li­gen Bay­ern-Star Gio­va­ne Elber auf des­sen Fazen­da.Rio de Janeiro, Strand

Andre­as Wunn lebt seit 2010 in Rio de Janei­ro.
Er ist pro­fun­der Ken­ner des Lan­des und berich­tet als Kor­re­spon­dent des ZDF für den Sen­der aus ganz Süd­ame­ri­ka.

Inter­view mit Andre­as Wunn

Herr Wunn, wie wür­den Sie jeman­dem das Land und die Bewoh­ner beschrei­ben?
Gera­de­zu unfass­bar ist erst­mal die Grö­ße: Bra­si­li­en ist 24 Mal so groß wie Deutsch­land. Ein Land mit 200 Mil­lio­nen Ein­woh­nern, die euro­päi­sche, afri­ka­ni­sche, asia­ti­sche und die Wur­zeln der India­ner­be­völ­ke­rung haben. Ein Land mit atem­be­rau­ben­der Natur, mit kilo­me­ter­lan­gen Strän­den und dem Ama­zo­nas­re­gen­wald. Bra­si­li­en ist ein auf­stre­ben­des Schwel­len­land, das ich fas­zi­nie­rend und scho­ckie­rend zugleich fin­de. Fun­keln­der Reich­tum und bit­te­re Armut direkt neben­ein­an­der.

Wel­ches sind Ihre Lieb­lings­or­te in Bra­si­li­en?
Mein Lieb­lings­stadt in Bra­si­li­en ist ganz klar Rio de Janei­ro, hier woh­ne ich seit drei­ein­halb Jah­ren und füh­le mich sehr wohl. Rio ist wun­der­schön, hat aber als Stadt immense Pro­ble­me, vor allem mit der Infra­struk­tur und mit Gewalt und Kri­mi­na­li­tät. Außer­dem bin ich ger­ne im Bun­des­staat Bahia im Nord­os­ten, dort wo auch die deut­sche Mann­schaft ihr WM-Quar­tier auf­schla­gen wird. Traum­haf­te Strän­de mit Kokos­pal­men, war­mes, kla­res Was­ser und die sehr inter­es­san­te afro-bra­si­lia­ni­sche Kul­tur machen Bahia zu einem ganz beson­de­ren Teil Bra­si­li­ens.

Brasilien: Endlose Strände…

Bra­si­li­en: End­lo­se Strän­de…

Wel­ches war Ihr beein­dru­ckends­tes Erleb­nis?
In Sal­va­dor da Bahia habe ich in einer Fave­la mal eine Frau inter­viewt, die in einem sehr ein­fa­chen, klei­nen Zim­mer wohn­te. Als wir ein­tra­ten, ent­schul­dig­te sie sich sofort, dass sie uns kei­nen Stuhl anbie­ten kann — sie besaß näm­lich kei­nen. Das war ganz am Anfang mei­ner Zeit in Bra­si­li­en und hat mich sehr beein­druckt, die sozia­le Unge­rech­tig­keit im Land ist immer noch rie­sig

Mit wel­chen bra­si­lia­ni­schen Gewohn­hei­ten kön­nen Sie sich nicht anfreun­den?
Als halb­wegs pünkt­li­cher Deut­scher muss­te ich mich wirk­lich an das bra­si­lia­ni­sche Zeit­ge­fühl gewöh­nen. Die Uhren ticken hier anders, alles ist viel unver­bind­li­cher. Ein hal­be Stun­de oder mehr zu spät zu einem Ter­min zu kom­men, ist hier völ­lig nor­mal. Wenn man sich da nicht anpasst, wird man unglück­lich.

Wor­auf soll­ten deut­sche Tou­ris­ten ach­ten, bzw. wel­che Regeln beach­ten?
Als Tou­rist muss man kei­ne Angst haben, in Bra­si­li­en auf die Stra­ße zu gehen. Aber man soll­te immer ein biss­chen vor­sich­tig sein. Teu­ren Schmuck und gro­ße Uhren eher zu Hau­se las­sen, kei­ne auf­fäl­li­gen Taschen oder Kame­ras tra­gen und sei­ne Sachen nie irgend­wo allei­ne las­sen. Falls es dann doch zu einem Über­fall kommt, bloß nicht den Hel­den spie­len. Ein­fach Han­dy und Geld abge­ben, dann pas­siert in der Regel wei­ter nichts.

Rio de Janeiro, Zuckerhut

Rio de Janei­ro, Zucker­hut

Was kön­nen die Deut­schen von den Bra­si­lia­nern ler­nen und umge­kehrt?
Die Deut­schen kön­nen von den Bra­si­lia­nern ler­nen zu impro­vi­sie­ren.
Die Bra­si­lia­ner kön­nen von den Deut­schen ler­nen zu orga­ni­sie­ren.

Im Juni 2013 gab es vehe­men­te Demons­tra­tio­nen gegen Kor­rup­ti­on und Preis­er­hö­hun­gen wäh­rend der Gene­ral­pro­be für die WM, dem Con­fed-Cup. Vie­le Hun­dert­tau­sen­de gin­gen auf die Stra­ße. Kann sich das wäh­rend der WM wie­der­ho­len?
Die Unzu­frie­den­heit in der bra­si­lia­ni­schen Bevöl­ke­rung ist nach wie vor hoch. Denn an den Pro­ble­men, wes­we­gen im ver­gan­ge­nen Jahr die Mas­sen auf die Stra­ße gin­gen, hat sich ja nichts geän­dert: schlech­te Infra­struk­tur, mise­ra­bles Gesund­heits- und Bil­dungs­sys­tem, Kor­rup­ti­on. Und gleich­zei­tig wur­den Mil­li­ar­den für die WM-Sta­di­en aus­ge­ge­ben. Doch in den ver­gan­ge­nen Mona­ten hat die Pro­test­be­we­gung an Kraft ver­lo­ren. Zu den letz­ten Demos kamen gera­de mal 1000 Men­schen. Durch das zum Teil bru­ta­le Ein­schrei­ten der Poli­zei haben vie­le Demons­tran­ten Angst, an den Pro­tes­ten teil­zu­neh­men. Es kann aber sein, dass all dies vor und wäh­rend der Fuß­ball-WM noch ein­mal hoch­kocht.

Wie hoch ist das Gewalt­po­ten­zi­al der Polizei/Straßenkriminalität im Moment?
Bei­spiel Rio de Janei­ro. Mit soge­nann­ten Befrie­dungs­po­li­zei­ein­hei­ten woll­te die Stadt bis zur Fuß­ball-WM in 40 Fave­las die herr­schen­den Dro­gen­gangs ver­trei­ben. Das hat teil­wei­se funk­tio­niert, doch gera­de in letz­ter Zeit gab es vie­le Rück­schlä­ge. Immer wie­der ster­ben bei Poli­zei­ein­sät­zen Unschul­di­ge, auch von Fol­te­run­gen auf Poli­zei­wa­chen wird berich­tet. Dadurch hat die Poli­zei viel Ver­trau­en bei den Fave­la-Bewoh­nern ver­lo­ren. Und die Wut ent­lädt sich dann oft auch in Gewalt gegen die Poli­zei. Es ist eine explo­si­ve Mischung.

Rio de Janeiro, Copacabana

Rio de Janei­ro, Copa­ca­ba­na

Sind Sie oder Ihr Team schon ein­mal in eine brenz­li­ge Situa­ti­on gera­ten?
Ich wur­de in einer Fave­la ein­mal von einem Dro­gen­dea­ler mit vor­ge­hal­te­nem Maschi­nen­ge­wehr bedroht. Als ich ihm sag­te, dass ich ein deut­scher Jour­na­list sei, ließ er mich wei­ter­ge­hen. Und im Ama­zo­nas­re­gen­wald sind wir ein­mal mit unse­rem Boot geken­tert. Unser Equip­ment wur­de nass, aber wir konn­ten alles ans Ufer ret­ten.

Im Mai strei­ken die Bus­fah­rer und die Poli­zei droht mit Streik wäh­rend der WM. Preis­stei­ge­run­gen sind an der Tages­ord­nung.
Was wird wäh­rend der WM anders sein?
Bra­si­li­en wird sich wochen­lang im Aus­nah­me­zu­stand befin­den. WM-Begeis­te­rung wird sich mit den Pro­ble­men an den Flug­hä­fen und im öffent­li­chen Nah­ver­kehr mischen. Die hohen Prei­se wer­den für Unmut sor­gen, doch die Lebens­freu­de der Bra­si­lia­ner und die traum­haf­ten Strän­de wer­den vie­le Besu­cher beein­dru­cken. Und soll­te Bra­si­li­en im eige­nen Land wirk­lich Welt­meis­ter wer­den, wird das die größ­te Par­ty, die das Land je gese­hen hat.

Rio, Maracana Stadion, Andreas Wunn

Andre­as Wunn im Mara­ca­na Sta­di­on

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